Zum 26. Todestag von Vilém Flusser: ein wenig Theorie

Dies ist von Außen betrachtet ein höchst unscheinbarer Band, aber er hat es in sich.

Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie

Im Jahre 1983 ist in der Reihe „Edition Flusser“ des Verlags „European Photography“ (Göttingen) ein theoretisches Essay erschienen, in dem der Medienphilosoph Vilém Flusser in geradezu hellsichtiger Weise die Bedeutung der Fotografie an der Schwelle zwischen analoger und digitaler Medienwelt analysiert. In den Blick genommen und wissenschaftlich gleichsam seziert wird darin das Verhältnis zwischen dem Fotografen und dem Fotoapparat – seinen Wünschen und dessen Funktionen. Eine medienwissenschaftliche Verallgemeinerung der Thesen findet sich im kurz darauf erschienenen Buch „Ins Universum der technischen Bilder“ (gleicher Verlag, 1984). Über Flussers Arbeit informiert die Online-Zeitschrift Flusser Studies.

Nachtrag: Erst jetzt habe ich die sehr empfehlenswerte Biographie von Rainer Guldin und Gustavo Bernardo gelesen: „Vilém Flusser (1920-1901). Ein Leben in der Bodenlosigkeit.“ (Bielefeld: tanscript Verlag 2017).

Flussers Texte sind eine wahre Fundgruppe für all diejenigen, die sich aus theoretischer / philosophischer Warte mit der Bedeutung der Fotografie in modernen und postmodern-digitalen Gesellschaften auseinandersetzen möchten. Ich will hier die zentralen Thesen des unter mysteriösen Umständen im November des Jahres 1991 verstorbenen Autors nicht paraphrasieren, sondern vielmehr einige besonders prägnante Aussagen weitgehend unbearbeiteten Fotografien entgegensetzen, die nach meinem Empfinden zur Illustration der Textausschnitte geeignet sind. Einige der Fotografien stammen von mir, anderen von meinem Künstlerkollegen Milan von Ostfalen (Dank an ihn für die Erlaubnis, die Bilder zu verwenden). Die Textausschnitte stammen alle aus dem genannten Werk „Für eine Philosophie der Fotografie“ (ich zitiere nach der 9. Auflage aus dem Jahre 1999).

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„Das Spiel mit Symbolen ist Machtspiel geworden – ein hierarchisches Machtspiel: Der Fotograf hat Macht über die Betrachter seiner Fotografien, er programmiert ihr Verhalten; und der Apparat hat Macht über den Fotografen, er programmiert seine Gesten.“ (S. 29)

Am_Riff

[Kytom L: Am Riff]

„Während der Apparat in Funktion der Absicht des Fotografen funktioniert, funktioniert diese Absicht selbst in Funktion des Programms des Apparats. […] In der Fotogeste tut der Apparat, was der Fotograf will, und der Fotograf muss wollen, was der Apparat kann.“ (S. 33)

Steinzeit

[Kytom L: Seinzeit]

„Die Imagination des Apparates ist größer als die jedes einzelnen Fotografen und die aller Fotografen zusammen. Gerade darin liegt die Herausforderung an den Fotografen. Gleichwohl gibt es Teile des Fotoprogramms, die bereits gut erforscht sind. Man kann dort zwar immer neue Bilder machen, aber es wären redundante, nicht informative Bilder, solche, die man ähnlich schon gesehen hat. Wie an anderer Stelle gesagt wurde, interessieren redundante Fotografien in dieser Untersuchung nicht; der Fotograf im hier gemeinten Sinne sucht nach noch unerforschten Möglichkeiten im Apparateprogramm, nach informativen, nie zuvor gesehenen, unwahrscheinlichen Bildern.“ (S. 34)

MvO-Katorga

[Milan von Ostfalen: Katorga]

„Schwarz-weiße Fotos sind die Magie des theoretischen Denkens, denn sie verwandeln den theoretischen linearen Diskurs zu Flächen. Darin liegt ihre eigentümliche Schönheit.“ (s. 40)

MvO-Mirakel2

[Milan von Ostfalen: Mirakel 2]

„Ein Vergleich der Absicht des Fotografen mit dem Apparateprogramm zeigt, daß es Punkte gibt, an denen beide konvergieren, und andere, an denen sie divergieren. An den konvergierenden Punkten wirken beide zusammen, an den divergierenden kämpfen sie gegeneinander. Jede einzelne Fotografie ist das Resultat zugleich der Zusammenarbeit wie des Kampfes zwischen Apparat und Fotograf. Folglich kann eine Fotografie als entziffert gelten, wenn es gelungen ist, festzustellen, wie sich in ihr Zusammenarbeit und Kampf zueinander verhalten.“ (S. 43)

rot-grün-blind

[Kytom L: rot-grün-blind]

 

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