„Bereue, Harlekin!“, sagte der Ticktackmann

In der gleichnamigen dystopischen Erzählung des jüngst verstorbenen Autors Harlan Ellison aus dem Jahre 1972 geht es um eine Gesellschaft, in der Pünktlichkeit die wichtigste Tugend, ja die höchste Pflicht aller ihrer Mitglieder ist. Der Protagonist Harlekin ist das letzte widerständige Subjekt, das einfach nicht in der Lage oder nicht Willens ist, sich an das verordnete strikte Zeitregime zu halten.

Auf die Fotografie übertragen, können wir diese Geschichte metaphorisch lesen: Als Verweis auf die ‚Diktatur des richtigen Zeitpunkts’. Im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken – besser noch: gedrückt zu haben! – ist das große Credo ganzer Generationen von Fotografen (und Fotografinnen)… insbesondere jener, die einer im weitesten Sinne dokumentarischen Tradition folgen: Vom politischem Großereignis über die Sportberichterstattung bis hin zum Glamour der Prêt-à-porter-Inszenierung. Immer scheint zu gelten: Wer den richtigen Moment verpasst, hat das Nachsehen. Wobei diese Formulierung schon ein Widerspruch in sich ist, da jedes Foto unauflöslich mit der Idee des Nach-Sehens verknüpft ist.

Welches aber ist der ‚richtige Zeitpunkt’ in der Fotokunst? Hier wird – jedenfalls verstehe ich es so – nicht vorrangig dokumentiert sondern re-inszeniert. Oder sogar lichtbildnerisch neu konstruiert. Dies gilt analog, noch mehr aber digital. In letzterer Tradition wird die Bedeutung des ‚richtigen Augenblicks’ noch weiter minimiert, weil die Bilder fast beliebig nach-, richtiger umgearbeitet werden können. Die Herrschaft des richtigen Filters statt des richtigen Zeitpunkts?

Ich habe im Folgenden einige Bilder aus den letzten Jahren zusammengestellt, bei denen ich beim ersten Nach-Sehen, noch sehr dem Diktat jenes Ticktackmanns verhaftet, gedacht hatte: ach je – den richtige Zeitpunkt habe ich wohl  verpasst. Aber in der Kunst gilt nicht (zumindest nicht immer) das alltagspolitische Diktum „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Vielmehr stellt die richtige Zeit sich auf andere Weise ein und her. Und die vermeintlich falsche Zeit, kann sich schließlich als die richtige erweisen. Das heißt nicht, dass wir in zufälligen Taktfolgen auf den Auslöser drücken sollten (was allerdings konzeptionell durchaus einmal Sinn machen kann), sondern nur, dass wir jenes Diktat des richtigen Zeitpunkts in der Fotokunst hinter uns lassen können. Ein Stück weit jedenfalls.

Es ist offensichtlich, dass keines der hier von mir präsentierten Bilder auch nur ansatzweise so geplant war. Die Macht des ‚falschen’ Augenblicks. Aber auch die Logik des Misslingens? Oder doch ganz eigener Charme?

 

Dank an alle Modelle, die nicht so ‚getroffen‘ wurden, wie sie es erwartet hatten.

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