Mysterien. Teil 1: Die Wiederkehr der Laura Palmer

Anfang der neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begründeten die beiden ersten Staffeln der Fernsehserie Twin Peaks (die dritte Staffel folgte, ein Novum in der Fernsehgeschichte, mit 25 Jahren Abstand im vergangenen Jahr) das moderne Mystery-Genre innerhalb des großen literarischen Feldes des Phantastischen. Dieses Genre trägt seinen Namen zu Recht, nimmt es doch die Tradition der mittelalterlichen Mysterienspiele in verwandelter Form wieder auf. Charakteristisch für die erzählerische Gattung ist die auf Dauer gestellte Rätselhaftigkeit der Ereignisse, um deren Auf-Lösung (im doppelten Sinne!) die Protagonisten sich stetig bemühen, nur um an dieser Aufgabe letztlich aber immer wieder zu scheitern. Und mit ihnen scheitern (durchaus lustvoll) auch Zuschauer und Zuschauerin. In Twin Peaks erfahren sie schließlich zwar, wer die junge Frau namens Laura Palmer, deren Leiche ganz zu Beginn der Erzählung sehr symbolträchtig am Ufer eines Sees gefunden wird, ermordet hat – das Warum jedoch bleibt bis zum Schluss ungeklärt. Und die Doppelnatur des Mörders als gleichzeitig natürliches und übernatürliches Wesen gibt ebenfalls dauerhaft Rätsel auf.

Der Ort des Geschehens, die der Serie den Namen gebende fiktive Kleinstadt Twin Peaks, liefert unter der Oberfläche kleinbürgerlicher Beschaulichkeit ein Tableau moderner sozialer Probleme: Glücksspiel und Prostitution, Drogenkonsum und Inzest. Die Serie folgt hier dem bereits aus Filmen wie Blue Velvet (1986) bekannten ‚David-Lynch-Prinzip’: Gleichsam unterhalb der emsigen Geschäftigkeit der sichtbaren Alltagswelt existiert eine dunkle Neben- oder Gegenwelt aus Verbrechen, Rausch und Kontrollverlust, die aufzudecken und ans Licht zu zerren Aufgabe der jeweiligen Protagonisten ist.

Bezüglich der Rätselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit seiner Hauptfiguren geht die Serie Twin Peaks noch einen Schritt weiter als der genannte Film. Tiefenpsychologisch betrachtet repräsentiert die eigentlich von Beginn an tote, in der Erzählhandlung jedoch in mehr einer Hinsicht höchst lebendige Gestalt der Laura Palmer die Wiederkehr des Verdrängten. In ihr sind Eros und Thanatos, Verlockung und Gefahr, Verzweiflung, Scheitern und Opfertod in einer einzigen Gestalt geradezu mythischen Charakters vereint. So ist es durchaus programmatisch, wenn die Schöpfer der Serie, David Lynch und Mark Frost, einen (selbst wiederum höchst rätselhaften) Protagonisten über Laura Palmers Spiegelgestalt in der unerklärbaren magischen Nebenwelt sagen lassen „Sie ist meine Cousine, aber sieht sie nicht genau aus wie Laura Palmer? Sie ist voller Mysterien.

Twin Peaks funktioniert wie ein allegorischer Reigen, in dem Orte, Figuren und Ereignisse archetypischen Charakter aufweisen. Man könnte die Serie für ein filmisch zum Leben erwecktes Tarot-Deck halten: Laura Palmer als Hohepriesterin, Special Agent Dale Cooper als Magier, James Hurley und Donna Hayward als die Liebenden usw. usf. Und David Lynch, der in der Serie auch selbst auftritt, repräsentiert den Narren, der jenen Reigen gleichzeitig anführt und beschließt. Eine ähnliche magische Verbindung zwischen dem Künstler und seinem Werk findet sich bereits im Film Montaña sagrada (The Holy Mountain) des chilenischen Regisseurs, Mystikers und Tarot-Meisters Alejandro Jodorowsky aus dem Jahre 1973, der heute leider fast in Vergessenheit geraten ist.

Zur Illustration dieser Gedanken habe ich (für meinen 25. Beitrag an dieser Stelle) Arbeiten aus meinem Werk ausgewählt, die im Kontext meiner eigenen Auseinandersetzung mit der Serie Twin Peaks über viele Jahre hinweg entstanden sind. Mein besonderer Dank gilt dabei Natja, die mich überhaupt erst auf die Idee für diesen Text zum Neujahrstag 2018 gebracht hat.

 

Feuer_zieh_mit_mir

Feuer zieh mit mir – Erinnerung an Laura (2006)

 

Das_Korsett_der_Scham

Das Korsett der Scham (2001)

 

Snow_Crash

Snow Crash (2017)

 

Widerstand_ist_moeglich

Widerstand ist möglich (2004)

 

Eine_Entdeckung_im_Wald.jpg

Eine Entdeckung im Wald – für meine ‚Log Lady’ (2015)

 

Topologie_der_weißen_Hütte

Topologie der Weißen Hütte (2006)

 

Die_Wiederkehr_des_Verdrängten

Die Wiederkehr des Verdrängten (2011)

[Beitragsbild ganz oben: Vor dem Bildschirm (2016)]

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