Eskapismus und Subversion

Aus Sicht von Medienpsychologie und Kulturkritik ist Eskapismus ein negativer Begriff. Er bezeichnet den Hang von Menschen, insbesondere von Jugendlichen, zur Realitätsflucht. Und diese Flucht findet dann, so die aktuelle psychologische Vermutung, primär in die digitalen Medien bzw. mit ihrer Unterstützung statt. Der Vorwurf ist nicht neu. Mit ähnlichen Argumenten wurde bereits im 18. und 19. Jahrhundert vor der Lektüre von Romanen gewarnt (als bevorzugte Opfer der Romansucht galten junge Frauen der Ober- und Mittelschicht).

Übersehen wird dabei das subversive Potenzial, das einer Realitätsleugnung innewohnen kann. Wer die Welt, wie sie (vermeintlich!) ist, nicht anerkennen mag und sich lieber in erdachten Alternativwelten bewegt, kann aus einer solchen selbst gewählten, vielleicht sogar selbst hergestellten Außenperspektive die „herrschenden Zustände“ (wie es früher im marxistischen Diskurs hieß) leichter kritisieren als derjenige, der gedanklich voll und ganz in ihnen verhaftet bleibt. Eskapismus, um in dieser Denktradition zu bleiben, gleichsam als erster Schritt zur Überwindung der Mystifikationen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Ein anderes soziologisches Paradigma, der Sozialkonstruktivismus, lässt die Kritik am Eskapismus-Vorwurf fast noch deutlich ausfallen: Wer vor der gedanklichen „Flucht aus der Wirklichkeit“ warnt, meint selbst ganz genau zu wissen, was wirklich ist … und was eben nicht. Dies ignoriert nicht nur die soziale Grundtatsache (aus Sicht dieser Wissenssoziologie), dass die bestehende Wirklichkeit Produkt gesellschaftliche Konstruktionsprozesse ist, sondern übersieht auch die Konkurrenz zwischen orthodoxen und heterodoxen Wirklichkeitskonstruktion in pluralistischen Gesellschaften. Und hier wäre dann weiderum jenes subversive Potenzial des Eskapismus zu verorten: Jene unwirklichen Wirklichkeiten, in die der Mensch aus politisch wie psychologisch scheinbar höchst problematischen Motiven flieht, können sich als alternative Wirklichkeiten erweisen, als gesellschaftliche Gegenentwürfe, deren allein durch ihre Formulierung soziale Sprengpotenz innewohnt. Dies gilt nicht nur für die Welten der Phantastik (Buch und Roman, TV-Serie und Comic), sondern eben auch für alternative Weltsichten und Weltkonstruktionen der Bildenden Kunst.

Bezüglich des zwanzigsten Jahrhunderts denkt man hier sofort an Bewegungen (!) wie den Surrealismus oder den Dadaismus. Nicht von ungefähr waren sie eng mit emanzipatorischen politischen Bewegungen jenes Jahrhunderts verbunden – ideell und manchmal auch in der so genannten revolutionären Praxis. (Als exemplarisch kann hier die Verbindung von politischem und künstlerischem Lebensentwurf  bei André Breton oder Louis Aragon angesehen werden.)

Für das 21. Jahrhundert, so scheint es mir zumindest, muss die Verbindung zwischen dem Eskapismus in der Bildenden Kunst und der subversiven politischer Praxis erst noch bestimmt werden. Und ich wette darauf, dass hier digitalen Kunstformen eine entscheidende Bedeutung zukommen wird. So könnte man im Stile der genannten politischen Kunstbewegungen ausrufen: Es lebe der Eskapismus!

… sorry, liebe Sehsüchige, aber dies ist ein reiner Wortbeitrag.

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Nachfrage von Milan von O.: „Gehen Dir die Bilder aus, lieber Kytom?“

Antwort: „In einem ganz spezifischen Sinne ja.“

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