Surtuelles Manifest

Kytom L.: Vorläufiges Manifest des Surtualismus (1.1.2001 / 20.5.2005)

Vorbemerkung: Der Kunstbegriff „Surtualismus“ steht für die Synthese zwischen der surrealistischen Tradition, der ich mich in meiner fotografischen Arbeit verbunden fühle, und den virtuellen Welten, deren Erzeugung uns die Digitalfotografie gestattet.

Sieben Thesen

  1. Der Surtualismus gehört zur Ordnung der Simulation, in der die Trennung zwischen „dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Imaginären“ aufgehoben ist (Baudrillard).
  2. Der Surrealismus war die visionäre Antizipation der Simulation.
  3. Ziel der Moderne war die Entzauberung der Welt, Ziel des Surtualismus (wie des Surrealismus) ist deren Verzauberung.
  4. Der Traum des 20. Jahrhunderts war es, zu sehen, was nie zuvor ein Mensch gesehen hat – der Traum des 21. Jahrunderts ist es, zu schaffen, was nie ein Mensch zuvor geschaffen hat. Möglichen machen dies die auf der Macht des Codes beruhenden digitalen Techniken.
  5. Die digitalen Techniken sind nicht manipulativ sondern simulativ: sie haben demiurgische Qualität. Aufgabe des Digitalkünstlers ist nicht die Abbildung sondern die Neuerschaffung einer Wirklichkeit, in der Tatsachen im Schnittpunkt der Codes entstehen.
  6. Real für die Subjekte bleibt in der Ordnung der Simulation letztlich nur ihr Leib. Der menschliche Körper ist deshalb für den Surtualismus ein ideales fotografisches Objekt. Wesentliches Ziel ist dabei die Auflösung von Eindeutigkeiten – etwa indem das Organische schrittweise in das Anorganische transformiert wird (korporale Dissimulation)..
  7. Da die Dichotomie zwischen dem Wahren und dem Falschen beseitigt ist, können alle Interpretationen surtueller Welten zugleich wahr und falsch sein. Und wahrscheinlich gilt dies ebenso für diese Thesen.

 

neomythos

Neomythos (2001)